"Ihr spricht aber erstaunlich gut Deutsch."

Diesen Satz hat jemand von unseren Couchsurfer-Freunden irgendwann gesagt. Wir haben auch Deutsche getroffen, die fragten, ob denn alle Esten Deutsch können - nein, nicht alle, sogar nicht viele - und Deutsche, die es richtig merkwürdig gefunden haben, dass wir Deutsch können. Und Deutsche, die nicht so gut verstanden haben, dass unsere Sprachkenntnisse sich doch nicht bis zum Begriff "Muttersprache" erreichen und sich geweigert haben, Redewendungen zu erklären. Es gibt ja unterschiedliche Menschen in der Welt.

Meine Geschichte mit der deutschen Sprache begann aber vor sehr vielen Jahren. Wegen einer Brücke.

Als ich 6 Jahre alt war und die Schulzeit näher rückte, mussten meine Eltern sich entscheiden, wohin mit dem Kind. Damals wie auch heute mussten die Kinder in die Schule, die dem Zuhause am nahesten lag oder so. Das Problem war, "meine" Schule lag auf der anderen Seite des Flusses, die erstbeste Brücke war aber nicht so vertrauenswert. Nein, es war nicht so wie die Schulwege in China oder Südamerika oder sonstwo. Es war eine temporäre Brücke, die so etwa 20 Jahre auf derselben Stelle gewesen war. Es steht schön auf Wikipedia, dass diese Brücke nur geöffnet wurde, um Schiffe durchzulassen oder wenn es im Frühling Hochwasser gab. Leider hatte sie sich auch selbst ab und zu geöffnet und ist weggeschwommen, so dass die älteren Nachbarskinder öfters zu spät in die Schule kamen, denn die nächste Brücke (von der festgebauten Sorte) bedeutete 30 Minuten Umweg.

Gut, haben meine Eltern dann gedacht, das Mädel muss morgens rechtzeitig in die Schule, dann muss sie eben in eine, wo sie ohne Probleme jeden Morgen hinkommt. Die nächste Schule hat in die Klasse "mit erweitertem Deutschunterricht" alle Kinder genommen, deren Eltern es wollten, egal, wo sie wohnten. Hauptsache, sie waren schulreif, konnten schon lesen und verstanden auch Zischlaute, dei wir in der estnischen Sprache normalerweise keine haben. Ich konnte das alles.

Deutschunterricht in der Schule fing bei uns schon in der ersten Klasse an. Die Lehrerinnen waren sehr streng und obwohl ich die Sprache nur in der Schule hörte, merkte ich in der 6. Klasse, dass ich nicht mehr nachdenken muss, wenn ich auf Deutsch etwas sagen will - und Sprechen als Solches hatten wir kaum geübt, es ging meistens nur um Wortschatz, Grammatik und Aussprache! Also kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es sich lohnt, in der Schule fleissig zu sein - obwohl ich bis heute nicht weiss, warum ich trotz Fleissigsein kaum ein Wort Russisch spreche, das hatten wir auch schon in der ersten Klasse.

Der Mann spricht auch Deutsch... weil er als Teenie ziemlich faul war. Damals gab es schon Satellitenfersehen in einigen Familien. Die Familie Des Mannes hat Fernsehen geliebt. Also verbrachte Der Mann viele Tage vor Pro Sieben und Sat 1. Noch heute versteht er problemlos alle Dialekte der Deutschen Sprache, kennt Redewendungen und alles. Dank nörgelnder Frau (hust) kann er mittlerweile auch ziemlich gut sprechen, finde ich - und wer anders denkt, ihr habt ihn nicht in 2001 gehört, als er mit Grammatik extrem frei umgegangen ist!

Unser Fernseher spricht Deutsch, denn anfangs wohnten wir für estnische Sender viel zu weit weg und jetzt kümmert sich keiner mehr darum. Vor 5-6 Jahren haben wir gedacht, die Kinder können ja täglich eine halbe Stunde oder so KiKa gucken. Eine Sendung, nicht mehr. Dann - nach etwa einem Jahr KiKa-Zeichentricks - fragte Der Älteste im Sommer: "Es kommt da was Spannendes nach Zeichentrick, darf ich mir es heute anschauen?" Na gut, es war Pur oder so etwas vernünftiges... Zehn Minuten später kam ich ins Wohnzimmer, der Sohnemann hatte sich Malsachen geholt und malte. Wenn du nicht guckst, machen wir es lieber aus? "Nein, Mama, ich höre zu, sie sprechen gerade darüber, wie man Schockolade macht, wenn sie woanders hingehen, dann werde ich auch gucken..." Dann war er vielleicht acht Jahre alt. Auch die jüngeren Kinder haben angefangen, Deutsch zu verstehen. Ein paar Jahre konnten sie auch ein Kurs namens "Deutsch für Könner" besuchen, das eigentlich für die Kinder gedacht war, die deutschsprachige Eltern hatten oder schon Mal in Deutschland gelebt hatten... Aber für Anfängerkurse waren sie zu gut, sagte die Lehrerin. In unserem "Homeschooling"-Programm ist auf Deutsch Lesen auch drin gewesen, aber nur kurz, denn "offiziell" müssen die Jungs Englisch und Französisch lernen. Im Moment sind sie alle gut genung, dass ich sie ohne Bedenken in Deutschland zur Schule schicken könnte (muss ich nicht, aber wenn ich müsste...). Vor einem Jahr auf Urlaub in Günzburger Legoland konnten wir sie auch ohne Angst aus den Augen lassen, denn wir wussten - alle drei können auf Deutsch um Hilfe bitten, wenn es sein muss. Ob sie ihre Sprachkenntnisse jemals im Leben benutzen werden - keine Ahnung. Wir glauben aber, dass es nicht schadet, wenn sie schon jetzt eine Fremdsprache verstehen und einigermassen sprechen können.

Comments

  1. Ich bin sehr beeindruckt!
    Noch nie im Land gelebt und doch schreibst Du Deutsch nahezu perfekt!
    Hut ab!
    Und ich bin gespannt darauf hier mehr zu lesen.
    Viele Grüße
    Suse

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    Replies
    1. Danke und willkommen!
      Doch, ein Jahr lang war ich Aupair in Deutschland, aber das liegt schon über 20 Jahre zurück. Aber schon damals konnte ich Deutsch frei sprechen, es sind inzwischen nur Redewendungen und einige Wörter dazu gekommen, nicht viel mehr, glaube ich. Hut ab vor meinen Lehrerinnen, sie waren echt Klasse.

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