Wieder in die Schule

Vor 4 Jahren war der Mittlere gar nicht schulreif. Erfahren haben wir es aber erst, als er schon eingeschult war. Akademisch ging es ihm ja eigentlich gut, aber sonst... Obwohl er auch Freunde gefunden hatte und die Klassenlehrerin sehr, sehr nett war, kam der Mittlere mit dem Schulalltag gar nicht klar. Besonders schlimm war es, wenn der Tag anders lief als meistens, dann war er am Abend recht kaputt. Autismus so richtig hat er keins, aber autistische Züge schon. Da es in der Klasse auch verhaltensgestörte Kinder gab und der Mittlere fröhlich alles Schlechte mitgemacht hat - denn bei den Anderen Abgucken ist schon immer seine Angewohnheit gewesen, dermassen, dass es auch zu seinen autistischen Zügen gehört -, wussten wir am Ende des Schuljahrs, dass wir ihn da rausziehen müssen. Damals war es auch sonst schwierig bei uns in der Familie, die Schwiegermutter war urplötzlich verstorben, der Mann war auf der Suche nach einen neuen Job und ich war unglücklich auf meiner Arbeitsstelle. Es ist erlaubt und sogar relativ einfach, hierzulande Homeschooling zu machen. Also haben wir beide älteren Kinder aus der Schule genommen und mit Homeschooling angefangen. Der Jüngste war eh zu Hause, denn an Kindergärten glauben wir nicht so, die Oma hat nach Bedarf auf ihn aufgepasst.

Anfangs lief alles rosig, die Jungs waren glücklich, dass sie nicht mehr in die Schule müssen. Der Mann hat einen neuen Job bekommen, wo er auch oft wegfahren musste, so dass es sowieso recht kompliziert gewesen wäre, die Kinder täglich in die Schule zu bringen (wir wohnen inmitten von Nirgendwo, wo "Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen", und Busverbindung zu Stadt ist sehr kompliziert). Meine "richtige" Chefin kam von der Babypause zurück und ich konnte eine Hälfte von der Arbeit abgeben. Es wurde sowieso bei uns in der Schule Vieles verändert, es gibt jetzt nur weniger als 500 Schüler, da ist eine halbe Psychologin* völlig ausreichend (als ich dort Vollzeit anfing, hatten wir mehr als 800 Schüler). Der Mittlere hat nach einem Jahr zu Hause eines Tages tief geseufzt und gesagt: "Ich will nie mehr in die Schule gehen!"

Irgendwann wurde es dem Ältesten doch viel zu langweilig. Wir haben die Kinder in viele Extra-Kurse geschickt, aber es war dann doch nicht genung. Leider gibt es auch keine Homeschooling-Gruppe hier in der Nähe, oder wenn, dann machen die anderen Familien Waldorf... wir nicht, ich bin keine Bastelmutti, nicht und niemals! Dieses Jahr wollte er in die Schule - na gut, konnte er. Und er ist glücklich, das ist schön.

Homeschooling mit nur zwei Kindern war ungewohnt, aber Homeschooling, mit einer beliebigen Zahl Kinder, wenn frau daneben ihr eigenes Handarbeitsgeschäft aufzubauen versucht, ist mehr als schwierig. Ausserdem mag ich nicht, Mathe zu unterrichten. Der Mann kommt aber erst am Abend und dann geht Pauken nicht so gut. Eines Tages hat der Mittlere dann doch gesagt, dass er es gern wieder mit der Schule versuchen möchte. Ich habe mich mit meiner Chefin beraten und wir beschliessen uns, dass der Mittlere ab heute bis Weihnachtsferien versuchen wird, wie es ihm in der grossen Schule so passt. Es kann gut gehen und es kann schlecht gehen. Mittlerweile kann er grössere Menschengruppen ganz gut vertragen und auch sonst ist er ziemlich selbstständig. Noch immer recht kindisch, scheint mir, aber wir werden sehen... Wenn es nicht gut geht, dann schauen wir weiter, offiziell haben wir Homeschooling noch nicht abgebrochen.

Heute morgen ist er dann mit dem Mann und dem Ältesten losgefahren, fröhlich und gespannt auf neue Erfahrungen. Ich werde wohl den ganzen Tag beten, mir in die Fingernägel beissen und wahrscheinlich brauche ich auch ein Beruhigungsmittel - nichts Starkes, bei Stress nehme ich eine Baldriantablette und es geht mir schon gut.

Bald ist die erste Unterrichtsstunde um, es war Englisch. Die Lehrerin ist super, sehr, sehr geduldig und 100% vertrauenswert, kann ich aber auch den Mittleren in ungewohnter Situation vertrauen? Möge Gott ihn schützend in seiner Hand halten...

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*hier gibt es in jeder grösseren Schule einen Psychologen, das ist ganz normal.

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